Gibt es eigentlich den richtigen Weg in der juristischen Ausbildung? In jedem Fall. Leider muss man ihn selbst finden. Ein paar Anregungen dazu:
Studium
Am Anfang ist nichts wichtiger als die richtige Uni. Die richtige Uni zeichnet sich unter anderem aus durch
- lange Öffnungszeiten der gut ausgestatteten Fachbibliothek
- ein breites Angebot an Lehrveranstaltungen
- eine gute Mischung an jüngeren und älteren Professoren
- externe Dozenten aus der Praxis
- eine gesunde Kneipenlandschaft
- Hochschulsport
- ein passabeles studium universale
- mindestens drei kommerzielle Repititorien vor Ort
Warum das alles? Die langen Öffnungszeiten der FB lassen einen flexibel lernen und arbeiten. Da man im Studium Jura entdecken soll, braucht es ein möglichst umfangreiches Vorlesungsangebot, um festzustellen, wohin man will. Oder nicht. In entspannter Atmosphäre. Nicht zu kurz kommen darf aber das Interesse der Fakultät an den Grundfesten, gerade im Zivilrecht ist eine vernünftige Ausbildung inklusive römischem Recht mehr wert als das Seminar im Energierecht. Erfahrene Hochschullehrer leisten hier wahre Wunder, während die jüngere Garde meistens didaktisch weit besser aufgestellt ist. Die Mischung beider “Extreme” macht es halt.
Neben den “harten” Faktoren gibt es aber auch die Softskills eines Unistandortes: Kontakte knüpft man am Mittagstisch und abends in der Kneipe. Wer arbeitet, darf auch feiern.
Mens sana in corpore sano: nicht unterschätzen darf man das Sportangebot vor Ort, sei es die Laufstrecke um den kleinen See oder das Fitnessstudio um die Ecke. Günstig und zielgruppenorientiert ist manchmal das Hochschulsportangebot, wenn nicht gerade marxistische Frauengruppen den Hochschulsport organisieren.
Auch der Kopf will Abwechslung haben, Ringvorlesungen und studium universale öffnen ein wenig den Horizont. Wer es sich traut, studiert “nebenbei” entweder etwas für den Lebenslauf (BWL oder VWL) oder etwas für das Wohlbefinden (z.B. Kunstgeschichte oder Literaturwissenschaften). Ist das mit Kosten verbunden, nutzt eben besagte Vorlesungen im Rahmen des studium universale.
Schließlich: kommerzielle Repititorien vor Ort sind leider unabdingbar für die spätere Examensvorbereitung. Zumindest sollte die Option bestehen, sein Geld zu verschleudern.
Stimmen die Voraussetzungen, dann geht es nun ans Eingemachte. Jura ist ein wenig Handwerk gekreuzt mit etwas Kunst. Ideenlose Lernfanatiker scheitern ebenso wie faule Individualisten. Jedem Studenten sollte klar sein, dass er die nächsten sieben Jahre (inklusive Vorbereitungsdienst) mit viel, viel Arbeit verbringen wird. Wer Probleme damit hat, auch mal auf Sonnenschein und Schlaf zu verzichten, ist in der Rechtswissenschaft falsch aufgehoben. Das Studium trainiert zur Selbstkasteiung, zu Disziplin und Selbstverantwortung. Und vor allem dazu, mit dem Scheitern zurechtzukommen. Das wichtigste ist und bleibt aber, den eigenen Rhythmus zu finden. Denn den braucht man später noch.
Inhaltlich ist das Studium gut machbar. Man sollte früh begreifen, was wichtig und was weniger wichtig zu lernen ist. Systematik und Abstraktion etwa helfen, ein Gespür dafür zu bekommen, was umstritten und was nicht umstritten ist. Selbst die Prüfungsreihenfolge einer Norm kann man selbst herleiten, wenn man seinen gesunden juristischen Verstand benutzt. Grundlegend falsch ist es, Dinge einfach auswendig zu lernen. Manchmal ist das leichter (etwa bei Definitionen und Aufbauschemata), grundsätzlich sollte es aber vermieden werden. Mit viel Geld in der Hand kann man im dritten Semester auch ein kommerzielles Repititorium besuchen – hier lernt man schnell, worauf es für das Examen ankommt. Jura lernt man so allerdings nicht.
Ansonsten gilt: üben. Reden, diskutieren, Gedanken entwickeln und verteidigen, schreiben, argumentieren. Nichts allein in der stillen Kammer, sondern mit Kommilitonen und der Lerngruppe. Und bloss nicht vergessen, dass das Studium auch Spass machen soll.
Ach ja: keinesfalls falsch ist es, als StudHK an einem Lehrstul zu arbeiten. Gute Studienleistungen helfen.
Endstadium/Studienende
Jetzt gilt es: noch ein Jahr bis zu den Klausuren bedeutet viele Wiederholungen und einiges an Frust. Vor jeder Examensvorbereitung muss aber die kritische Frage stehen: bin ich dafür eigentlich geeignet? Will ich das? Spätestens jetzt muss die Notbremse gezogen werden, wenn Zweifel bestehen. Sonst wäre es schade um die Zeit und das Geld.
Kommerziell oder “Examen ohne Rep”? Die Frage muss jeder selbst beantworten. Hier eine kleine Entscheidungshilfe:
pro kommerzielles Rep:
- fester Lernplan
- Druck
- Sozialisierungszwang in der heißen Phase
- meist brauchbare Unterlagen als Zusammenfassung des Lernstoffs
- umfangreiche Fallsammlung
- meist integrierter Klausurenkurs
- erstaunlich treffsichere Prognose des Prüfungsstoffs
contra kommerzielles Rep:
- teuer
- unflexibel
- haufenweise Besserwisser
pro Examen ohne Rep:
- individuell anpassbar
- günstig
- die Lerngruppe harmoniert besser
contra Examen ohne Rep:
- verlangt viel Vorarbeit und Zeit
- Eigendisziplin statt Druck von Außen
- Gefahr falscher Schwerpunktsetzung
- Ergänzung durch gutes Unirep nötig (Klausurenkurs!)
Tendenziell gilt, dass eher gute Kandidaten besser ohne kommerzielles Rep fahren, da sie einschätzen können, was wichtig ist und was nicht – zudem ist hier die nötige Selbstdisziplin meist nicht das Problem.
1. Examen
Durch die Zersplitterung des Studiums in universitäre und staatliche Prüfung läßt sich keine allgemeingültige Empfehlung geben. Klar sein sollte, dass man an der Uni meistens eher die Punkte holen kann als im staatlichen Teil. Andererseits besagen hartnäckige Gerüchte, dass bei der Jobsuche der staatliche Teil ausschlaggebend sei. Egal wie, das Examen sollte am Ende der gerechte Lohn für das Können und die Arbeit sein, die der Kandidat investiert hat. Für die Klausuren ist wichtig, dass man unter Bedingungen schreibt, die bislang unbekannt sind. Ein steriler Prüfungsraum, viele unbekannte Gesichter, Formalismus, Druck – niemand wird leugnen können, dass die Psyche ein gewichtiges Wort im Examen mitspricht. Inhaltlich dagegen ändert sich nichts: die Klausuren sind nicht schwieriger oder umfangreicher als das, was man aus der Vorbereitung kennt. Mit guter Vorbereitung und sinnvoller Zeiteinteilung kann man entspannt an die Sache herangehen. Die Nerven beruhigen sich dann von selbst – spätestens, wenn man auf gewohntem Terrain agiert, heißt, die Klausur löst. Nach der Klausur heißt es: abhaken. Bloß nicht weiter über das Geschriebene nachdenken, sondern entspannen.
In der mündlichen Prüfung nebst Aktenvortrag darf man zeigen, dass man nicht nur alles weiß, sondern auch weiß, wann und wo man es anbringt. Auch hier gilt: strukturiertes Denken äußert sich in strukturiertem Vortrag. Muss der Prüfer erst den roten Faden suchen, hat der Prüfling schon verloren. Wie in der Klausur sollte man auch im Gespräch das Gebot der Einfachheit nicht aus den Augen verlieren.
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Schöner Beitrag! Das Wichtigste aus meiner Sicht ist, auf Verständnis zu lernen, also die wesentlichen Strukturen wirklich zu verstehen. Auswendiglernen ist häufig eher hinderlich als hilfreich. Das heißt übrigens nicht, nur mit Grundrissen zu lernen. Längere Ausführungen in den großen Lehrbüchern vermitteln ein Hintergrundwissen zu den Strukturen, die viel wichtiger sein können als Wissen zu einzelnen Streitigkeiten. Denn diese kann man im Notfall aus dem Basiswissen entwickeln. Die großen Lehrbücher kann man teilweise sogar richtig lesen – da werden nicht nur Ergebnisse zusammengestellt, sondern systematisch entwickelt. DAS schafft Verständnis!
Vor dem Examen ist es vor allem wichtig, locker zu bleiben. Besser ist es wohl, die Kollegen in den Wochen vor dem Examen zu meiden. Man macht sich gegenseitig ansonsten nur fusselig. Was im Examen verlangt wird, ist grundsätzlich machbar – aber nur, wenn man locker und strukturiert an die Sache herangeht.
Und: die Grundlagenfächer sollte man nicht nur als notwendiges Übel im ersten Semester begreifen. Beherrschung der juristischen Methode und auch rechtsphilosophisches Hintergrundwissen machen meiner Ansicht nach einen guten Juristen aus.
Schöner Beitrag!
Besonders das gilt es in meinen Augen nochmal hervorzuheben:
“Ansonsten gilt: üben. Reden, diskutieren, Gedanken entwickeln und verteidigen, schreiben, argumentieren. Nichts allein in der stillen Kammer, sondern mit Kommilitonen und der Lerngruppe. Und bloss nicht vergessen, dass das Studium auch Spass machen soll.”
Nichts ist so wichtig wie die aktive Auseinandersetzung mit dem Fach, in deren Zentrum das ständige “Diskutieren am Fall” steht, sowie die Entwicklung positiver Bewältigungsstrategien.
Gruß, Frank Hofmann
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