Abrechnung mit Bologna

Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, seines Zeichens Sächsischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst a.D., rechnet in der heutigen Printausgabe der FAZ unter der Überschrift “Nur Mut zu einer Reform der Reform” mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses ab.

In seinen “Empfehlungen zur Einführung neuer Studienstrukturen und -abschlüsse” unternahm er im Januar 2000 auf hoher Abstraktionsebene den Versuch, “die intellektuelle Bildung durch Wissenschaft, die wissenschaftlich basierte Beschäftigungsfähigkeit und die Persönlichkeitsentwicklung” in einem auf drei Jahre angelegten Studienmodell zu vereinen. Im Grunde ist dies die Kombination des englischen und des amerikanischen Bachelor mit einem leichten Anklang an die deutsche Universitätstradition. Konkret erweist sich das bei einer Anwendung auf möglichst alle Fachgebiete weithin als ein Monstrum, das die Studenten über einen Parcours des Leistungspunktesammelns jagt. [Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2009, Nr. 153, S. 7]

Verantwortlich für die missglückte Studienreform macht Meyer seinen Parteifreund Jürgen Rüttgers, nicht die Grundidee von Bologna.

Schon 1997 hatte der damalige Bundesbildungsminister Rüttgers (CDU) vorgeschlagen, die deutschen akademischen Grade durch Bachelor, Master und Ph.D. zu ersetzen. [...] Dagegen erzielte Rüttgers mit seinem fast inhaltsleeren PR-Gag parteiübergreifend einen riesigen Erfolg. [...] Nicht zuletzt in den Medien waren viele von der Vorstellung begeistert, nun könnten die deutschen Universitäten den großen Vorbildern im gelobten Land der Moderne, den Vereinigten Staaten, wenigstens ähneln. Zwar unterschrieb Rüttgers 1998 in der Sorbonne-Erklärung den Satz: “Die Universitäten wurden in Europa vor ungefähr 750 Jahren gegründet. Unsere vier Länder sind stolz darauf, über einige der ältesten zu verfügen.” Aber schon 1997 hatte er als inhaltliche Begründung seiner politischen Strategie verkündet: “Humboldts Universität ist tot.” Der damit signalisierte Bruch mit der akademischen Tradition Deutschlands entsprach der Stimmungslage vieler in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die Deutschland “für die Globalisierung fit” machen wollten. [Quelle: aaO]

Meyer kommt zum Schluss, dass es an der Zeit sei,

über die deutsche Version des Bologna-Prozesses eine nüchterne und ernsthafte Debatte zu führen [...] Die Idee, ein deutsches Studiensystem dadurch zu legitimieren, dass es vorgibt, ein anderes zu sein, ist wahrhaft abstrus. [...] Seit den Zeiten Wilhelm von Humboldts haben die Wissenschaften eine so enorme Entwicklung genommen, dass niemand, der ein Studium beginnt, allein durch ungeplante “bildende Geselligkeit” mit seinen Lehrern sein Fach in einer verantwortbaren Zeit verstehen und durchdringen kann. [Quelle: aaO]

Die Idee Meyers ist es, sehr wohl eine Zweistufigkeit in das deutsche Studiesystem einzuführen. Allerdings nicht unter dem Primat der bislang erfolgten Gleichschaltung aller Studiengänge, sondern anhand einer Einzelfallbetrachtung.

Kann der Abschluss der ersten Phase nun aber auch mit dem Anspruch auf Berufsbefähigung verbunden werden? Diese Frage lässt sich nicht generell beantworten. Sie muss für die großen Wissenschaftsgebiete geprüft und dann für jedes einzelne Fach im Blick auf dessen berufliche Anforderungen entschieden werden. Wenn wir an der Breite und am Niveau unserer bisherigen Hochschulabschlüsse festhalten wollen, kann dies jedenfalls nicht die Norm sein. Vom konkreten Fach hängt es auch ab, wie die zweite Phase sinnvoll zu gestalten ist – als Forschungsstudium, als fachliche Spezialisierung, als Qualifikation durch Arbeit an einem praktischen Projekt – und ob es zu erwägen ist, vor dem Beginn der zweiten Phase erst berufliche Erfahrung zu sammeln, um dann zum Studium zurückzukehren. Als Grundregel sollte gelten: für die erste Phase ein hohes Maß an hochschulübergreifender Übereinstimmung, für die zweite Phase ein hohes Maß von hochschulspezifischem Profil. [Quelle: aaO]

So charmant die Idee auch ist, so wenig wird sie in der ziemlich unbeweglichen Hochschullandschaft umzusetzen sein. Vor allem in Zeiten eines echten Wettbewerbs zwischen den Universitäten um Studienanfänger in allen Fachbereichen, die bares Geld wert sind, kann sich niemand erlauben, mit experimentellen Modellen und unkonventionellen Lösungsansätzen Bologna zu interpretieren. Dem stünden übrigens Cerberus gleich die Akkreditierungskommissionen und der Akkreditierungsrat im Wege.

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One Response to Abrechnung mit Bologna

  1. Bertram says:

    Überzeugt mich nicht, das Ganze legitimiert nur den Modul-Ba-Ma-Wahn, an dem es allerdings keinerlei positive Resultate zu konstatieren gibt. Das bisherige Bildungssystem war weltweit geachtet und die Studienabschlüsse höchst anerkannt, das Niveau war weltweit führend. Die Absolventen deutscher Universitäten, nicht FHs, waren zumeist Nachwuchswissenschaftler, die als solche auch global herausragende Positionen in der Wirtschaft erhielten. In wenigen Jahren hat man sich nun zurückgezogen auf Entwicklungslandniveau und quasi in die Steinzeit, keiner interessiert sich mehr weltweit für die deutschen Abschlüsse und Absolventen, sie gehören nunmehr zur untersten Kaste und akademischem Proletariat das unter größter Konkurrenz und hohem Pragmatismus versuchen muss, einen prekären und unintellektuellen Beruf zu sichern. Humboldts Idee hat sich stets bewährt und ist heute gefragter denn je – eine dümmere Destruktion und Manipulation hingegen als Bologna gab es im deutschen und europäischen Bildungssystem nie.

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