Bekanntes Phänomen

Wer die Anfertigung einer Dissertation in Angriff nimmt, geht stets durch mehrere Stadien, die sich mehr oder minder gleichen. Steht am Anfang noch die pure Motivation, die Glückseligkeit, sich mit seinem Thema beschäftigen zu dürfen, weicht dieses Gefühl bald Panik, bald Resignation. Es kommt einem vor, als würde man zunächst im seichten Wasser waten, bis jäh der Meeresboden steil abfiele und man den Grund nicht einmal mehr erahnen kann. So einen Mariengraben hat jede Doktorarbeit, nicht in den Untiefen zu ertrinken ist eine der Hürden, die man nehmen muss, um wissenschaftlich zu arbeiten und das Projekt erfolgreich abzuschließen.

Ertrinken ist übrigens wörtlich zu nehmen, wenn Kopien, Bücher, Notizen und Zeitschriften sich erst einmal in ansprechender Höhe stapeln, reicht ein leichter Luftzug, um einen wahren Papiertsunami auszulösen. Das rein wissenschaftliche Absaufen gibt es natürlich auch noch, der Rettungsring heißt in diesem Fall Doktorvater oder -mutter und reagiert bei räumlicher Nähe auf laute Hilferufe.

Schwimmhilfen bietet der Buchhandel einige, eine äußerst vergnüglich zu lesende findet sich in “Nudge” von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein, das es bald auch auf Deutsch zu kaufen gibt. Vorab kann man Auszüge in der FAZ lesen. Besonders schön finde ich die Geschichte um die Figur genannt “David”, die ihre Doktorarbeit schreiben soll. Sehr bekannt kommt mir diese Passage vor:

Davids innerer Planer wusste, dass er gegen seine Aufschieberitis angehen und seine Arbeit abschließen musste – aber sein Macher hatte zahllose andere und viel aufregendere Dinge zu tun. So schob er die Fronarbeit der Ausarbeitung immer wieder vor sich her – klar, es macht in der Regel auch viel mehr Spaß, sich neue Dinge auszudenken, als bereits Durchdachtes niederzuschreiben. [Quelle: Thaler/Sunstein, in: FAZ vom 27. Juli 2009, S. 24]

Die Lösung der Autoren ist ganz einfach. “David” wettet mit dem Autor Thaler darum, dass er monatlich ein Kapitel seiner Arbeit fertigstellt. Im Gegenzug bekommt er 100 Dollar dafür, die Thaler ansonsten in eine Party investiert hätte – ohne “David”. Der Anreiz der Wette war am Ende stärker als die finanziellen Verluste, die “David” erlitt, weil die Arbeit nicht fertiggestellt wurde (ihm entgingen Beiträge zur Altersvorsorge), so dass “David” jede Frist einhielt und nach vier Monaten vierhundert Dollar reicher war.

Bewerbungen für Wettpartner nehme ich gerne in den Kommentaren entgegen.

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One Response to Bekanntes Phänomen

  1. Michael says:

    “So schob er die Fronarbeit der Ausarbeitung immer wieder vor sich her – klar, es macht in der Regel auch viel mehr Spaß, sich neue Dinge auszudenken, als bereits Durchdachtes niederzuschreiben.”

    Ich hatte vor Beginn der Dissertation gedacht, dass man sich eher in die Ausarbeitung flüchtet und so vermeidet, sich an neue Punkte ranwagen zu müssen, neue Lösungen zu finden und Entscheidungen zu treffen. Jetzt stelle ich allerdings fest, dass es – wie im Zitat beschrieben – genau andersherum ist…

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