Wo ich gerade dabei bin, an Selbstverständlichkeiten zu erinnern, will ich nicht vergessen, in die Debatte über Studiengebührenabschaffung, Exzellenzcluster und Bologna noch einmal Prof. Zaczyk zu zitieren, der es in meinen Augen wie kein anderer schafft, in dieser elendigen Diskussion um den “shareholder value” der akademischen Ausbildung pointiert das Ausmaß der Verstümmelung eines ehemals angesehenen Wissenschaftsstandorts aufzuzeigen.
[...] wurde die Wissenschaft Zielen untergeordnet, die nicht ihre eigenen waren, sondern ihr von außen aufgezwängt wurden. Sobald dies aber geschieht, wird die Freiheit der Wissenschaft, die Freiheit des Denkens angegriffen, und dann ist es ganz gleichgültig, ob das im Dienste der Rasse, der Klasse oder der Kasse geschieht. [Rainer Zaczyk, Rechtswissenschaft oder McLaw?, Bonner Rechtsjournal Sonderausgabe 1/2008, 1]
Dieses mittlerweile über drei Jahre alte Zitat aus einer Rede, die Prof. Zaczyk auf dem “Frankfurter Tag der Rechtspolitik” Ende 2007 gehalten hat, ist deshalb so aktuell, weil der Zirkus um den ehemaligen Bundesminister der Verteidigung eines erschreckend deutlich gezeigt hat: Wissenschaft bedeutet für Deutschlands Politiker (und einen Großteil der Bevölkerung, würde man der BILD und ihren Umfragen glauben) die lästige Voraussetzung zur Generierung wirtschaftlich nutzbaren geistigen Eigentums. Erfolgreiche Universitäten sind solche, die mit unternehmerischer Effizienz Nachwuchs herziehen, der in der Lage ist, industriell verwertbaren Output zu generieren. Der eigentliche Anspruch und die eigentliche Verpflichtung der Wissenschaft geht damit natürlich verloren.
Das wahre Ausmaß dieser Politik und seine Konsequenzen wird man erst in Jahren zu spüren bekommen, wenn die “weichen” Wissenschaften, die nicht umsonst “Geisteswissenschaften” genannt werden, endgültig aus der Hochschullandschaft verschwunden sind. Ein kleiner Vorgeschmack auf die ganz praktischen Auswirkungen und das Denken sowie die Moral einer “wissenschaftlich effizienten” Gesellschaft kann man bereits jetzt bestaunen in eben jener zuvor genannten Rücktrittsdebatte. Oder bei der Diskussion, wie man aus den Rechtswissenschaften (sic!) eine Berufsausbildung mit Bachelor- und Masterabschluss zaubern kann. Oder wie man in Graduiertenschulen (sic!) die Freiheit der Wissenschaft und Forschung in einen Werkzeugkasten fürdie Industrie verwandelt.
Aschermittwoch wäre von daher ein guter Tag, um eine Phase der Selbstläuterung einzuleiten. Diejenigen, die mit ihrer Beharrlichkeit dafür gesorgt haben, dass akademische Hochstapelei nichts als charakterbildender Zwischenschritt zur Kanzlerschaft verstanden werden darf, sollten jetzt eben so klar artikulieren, dass auch die zunehmende Verschulung oder kurzsichtige Budgetdiktate einem gesunden Verständnis von scientia nicht entsprechen.